Tschenresi gesellt sich zu Manjushri in der Bibliothek: Ein neues Thangka im Lesesaal

21 Juni 2020

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Die von dem Meisterhandwerker Siddhi Raj Shakya in Nepal gefertigte Manjushri-Statue wacht seit der Eröffnung der Dhagpo-Kagyu-Bibliothek im Jahr 2013 über den Lesesaal.

Zu dieser Verkörperung der Weisheit der Erleuchtung gesellt sich seit kurzem die Verkörperung des erwachten Mitgefühls in Form eines Thangkas von Tschenresi. So sind nun beide Aspekte der erleuchteten Tugenden – Weisheit und Mitgefühl – vertreten.

Dieses Thangka ist nicht nur ein wunderbare Unterstützung für die Praxis, das den von Lama Jigme Rinpoche seit 2018 eingeführten Tschenresi-Kurs widerspiegelt, sondern es veranschaulicht auch die Geschichte der ununterbrochenen Überlieferungen dieser Meditationspraxis und lädt dazu ein, sich zu fragen, was eine authentische Überlieferung der Praxis ausmacht.

Am Anfang dieses Projekts stand der Wunsch der Förderer, eine bildliche Darstellung der ununterbrochenen Übertragungslinie dieser Praxis innerhalb der Karma-Kagyü-Linie entstehen zu lassen.

Sherab Gyaltsen Rinpoche gibt Ratschläge

Die Lehren von Thaye Dorje, Seiner Heiligkeit dem 17. Karmapa, die er 2010 in Kundreul Ling gab, haben die Entstehung dieses Thangkas maßgeblich inspiriert, und das Projekt wurde in enger Absprache mit Khenpo Chödrak Rinpoche, Sherab Gyaltsen Rinpoche und Lama Jigme Rinpoche ausgearbeitet.

Es wurde in Nepal von Urgen Lama gemalt, einem Schüler von Sherab Gyaltsen Rinpoche und Erbe einer von Vater zu Sohn weitergegebenen künstlerischen Tradition. Nach seiner Fertigstellung wurde das Thangka von Shangpa Rinpoche eingeweiht.

Jede einzelne Figur, mit äußerster Feinheit und spezifischen Attributen dargestellt, war Gegenstand einer gründlichen ikonografischen Recherche, um eine etwa einen Meter hohe und siebzig Zentimeter breite Vorlage zu erstellen.

Im Mai 2023 widmete sich Sherab Gyaltsen Rinpoche in seinem Kloster tatkräftig und ausführlich dem Thangka-Projekt und gab wertvolle Ratschläge zur Darstellung der Meister und ihrer Positionierung, in Anwesenheit der Auftraggeber und des Malers Urgen Lama, der nun über alle Elemente verfügte, um dieses einzigartige Werk zu verwirklichen.

Deutung des Thangka

Den vierarmigen Edlen Tschenresi umgeben alle Lehrer der Linie, die nicht nur die Unterweisungen empfangen und durch ihre Praxis verinnerlicht haben, bis sie Tschenresi von Angesicht zu Angesicht begegneten. Jeder dieser Lehrer hat Wissen und Verwirklichung erlangt, das heißt eine vollständige, durch Erfahrung begründete und stabile Verinnerlichung.

Das Thangka wird von oben nach unten in drei vertikalen Zeilen gelesen.

In der Mitte, über dem edlen vierarmigen Tschenresi (Skt.: Avalokiteśvara), thront Khasarpani (ཁ་སར་པའ་ཎི་), eine Form von Tschenresi in der Haltung der königlichen Entspanntheit, die rechte Hand in der Geste des Gebens und die linke eine Lotusblüte haltend, gekrönt vom Buddha Amitabha (Öpame འོད་དཔག་མེད་). Unter der erwachten Präsenz sitzt der erste buddhistische König Tibets, Songtsen Gampo (ca. 605–650 སྲོང་བཙན་སྒམ་པོ་), der selbst als eine Emanation von Tschenresi angesehen wird.

Die vertikale Linie auf der linken Seite bildet eine erste Überlieferungslinie, die gleichzeitig mit der rechten verbunden ist. Unter dem Buddha Shakyamuni auf der linken Seite sitzt der indische Meister Atisha (982–1054), der direkt von seinen vier Yidams – dem Buddha Shakyamuni, Tara, Tschenresi und Manjushri – Unterweisungen erhielt. Atisha, der eine Schlüsselrolle bei der zweiten Verbreitung des Buddhismus in Tibet spielte, übertrug diese Lehre dort an seinen Hauptschüler Naktso Lotsawa (1011–1064 ནག་ འཚོ་ལོ་ཙཱ་བ་), als dieser bereits in fortgeschrittenem Alter war. Naktso Lotsawa gab diese Lehre an drei Personen weiter, die als die „drei Brüder“ bezeichnet werden und neben ihm, von links nach rechts in einer Reihe, dargestellt sind. Es handelt sich um Puchungwa Shönu Gyaltsen (1031–1106 ཕུ་ཆུང་བ་གཞོན་ནུ་རྒྱལ་ མཚན་), Potowa Rinchen Sal (1027–1105 པོ་ཏོ་བ་རིན་ཆེན་ གསལ་) und Chenga Tsültrim Bar (1038–1103 སྤྱན་སྔ་ཚུལ་ཁྲིམས་འབར་). Unterhalb von Naktso Lotsawa befinden sich der Mahasiddha Mitrayogin (Daten unbekannt མི་ཏྲ་ཛོ་ཀི་), der Kadampa-Meister Chapa Chöki Sengyé (1109–1169 ཕྱྭ་པ་ཆོས་ཀྱི་སེང་གེ་) und der 2. Karmapa, Karma Pakshi (1204–1283 ཀརྨ་པཀྵི་).

Auf der rechten Seite erkennt man eine zweite Überlieferungslinie mit dem Medizin-Buddha Sangye Menla und darunter Dromtön Gyalwa Jungne, genannt Dromtönpa (1005–1064 འབྲོམ་སྟོན་རྒྱལ་བའི་ འབྱུང་གནས་), ein Laienjünger von Atisha. Dromtönpa, der sich bei den Leprakranken, die er unterrichtete, mit Lepra angesteckt hatte, heilte sich durch die Praxis von Sangye Menla. Wie Naktso Lotsawa hatte auch Dromtönpa die drei Brüder als Schüler. Zu deren Hauptschüler zählte Gampopa Sönam Rinchen (1079–1153 སྒམ་པོ་པ་བསོད་ ནམས་རིན་ཆེན་), der die Lehre an Düsum Khyenpa (1110–1193 དུས་ གསུམ་མཁྱེན་པ་), dem ersten Karmapa, weitergab. Schließlich empfahl Sherab Gyaltsen Rinpoche, eine letzte Persönlichkeit aufzunehmen, Karma Chakme (1613–1678 ཀརྨ་ཆགས་མེད་), der das Amitabha-Gebet und zahlreiche Schriften über Tschenresi verfasste.

Verweilen wir einen Moment in der Stille des Lesesaals vor diesem Thangka. Nehmen wir uns die Zeit, unseren Blick auf jede der dargestellten Figuren ruhen zu lassen. Kennen wir diese Praktizierenden? Die Geschichte ihrer Befreiung? Wer sind sie für uns, die wir als Praktizierende des 21. Jahrhunderts noch am Anfang stehen? Eine hierarchische, lineare Ordnung, weit entfernt von unserer Realität?

Wir sprechen von Übertragungslinie und Weitergabe – Begriffe, die in unserem buddhistischen Alltag leichtfertig verwendet werden. Verstehen wir wirklich, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt?

Der Begriff „transmettre“ im Französischen leitet sich vom lateinischen „trans-“ ab, was „jenseits“ bedeutet, und von „mittere“, was „senden“ bedeutet. Anvertrauen, über sich selbst hinaus senden… Handelt es sich wirklich um ein lineares, festgefahrenes spirituelles Erbe oder eher um einen wahrhaft endlosen, dynamischen Prozess?

Wie ist bei diesen Praktizierenden ein so starkes Interesse entstanden, das sie dazu bewegt hat, sich zu einem Lehrer zu begeben, um seine Worte aufzunehmen und sie voller Vertrauen in die Praxis umzusetzen, bis sie ihnen in Fleisch und Blut übergehen? Warum haben sie ihrerseits diese Worte, diese Methoden, diese Erkenntnisse über sich selbst hinaus an andere weitergegeben?

Vielleicht kann die Zeit, die wir uns nehmen, um uns mit diesen Praktizierenden der Vergangenheit vertraut zu machen, eine physische, zeitliche und kulturelle Distanz aufheben und eine noch intimere und lebendigere Beziehung zur Praxis schaffen.

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